Bodelschwinghs berühmter Brief

Es ist kurz vor dem Jahr 1900. Das deutsche Kaiserpaar besucht Bethel und sieht staunend das Werk des protestantischen Pastors Friedrich von Bodelschwingh. Dieser schreibt bald darauf einen Brief an die Kaiserin: „Wollen Eure Majestät dem Kaiser nicht einmal sagen, daß es in Deutschland noch Hunderttausende von Familien gibt, die nur ein einziges Zimmer, ja vielleicht nur ein einziges Bett haben … Wenn die Väter morgens um halb fünf aufbrechen, schlafen die Kleinen noch, und wenn sie abends heimkommen, schlafen sie schon wieder.“

Bodelschwinghs berühmter Brief

Mit 73 wird der protestantische Pastor Abgeordneter im Preußischen Landtag. Hier greift er Berlins Magistrat an, weil Obdachlose Nachtquartier und Essen, aber keine Arbeit erhalten. Wie kommt ein Seelsorger zu solchem Wirken?

Als junger Pastor ist Bodelschwingh, ein Minister-Sohn, in der 1,7-Millionen-Stadt Paris verantwortlich für die 60.000 deutschen Gastarbeiter, viele von ihnen Lumpensammler und Gassenkehrer. Danach, 7 Jahre lang, Landpfarrer in Westfalen, von wo er als 40jähriger nach Bielefeld kommt. Bethel für Epileptiker und Sarepta für Diakonissen führt er hier zusammen. Der Tod seiner vier Kinder durch Keuchhusten hat ihn erschüttert: „Darüber bin ich barmherzig geworden.“ Als man fragt: „Warum läßt Gott all das Elend zu?“, antwortet er: „Man muß etwas zum Lieben haben.“ So steckt er alles weg – auch daß eine Kranke ihn ohrfeigt.

Heimat für 5000 Behinderte

Jeden läßt er auf eigene Weise mitarbeiten, die 2000 Epileptiker und die 3000 Behinderten, die sich allmählich ansammeln. Heute noch sind 80 Personen für die „Brockensammlung“ tätig, benannt nach dem Wort „Sammelt die übriggebliebenen Brocken!“ (Joh 6,12). 9.500 t treffen jährlich in Bethel ein, ähnlich wie die Konservativen in Hamburg Gebrauchtkleidung, Gummistiefel und Federbetten für ihr „Sorgenbüro“ in Lettland zusammentragen. Fast 40 Jahre bleiben Bodelschwingh, um 67 Pflege- und 80 Wohnhäuser zu bauen, dazu 30 Wirtschaftsgebäude. Den Bischof von Münster berät er wegen der Anlage einer „Kolonie“ für Arbeitslose. Gefährlicher als die Jesuiten sei die Flut glaubensloser Kritik. Vom „Rauhen Haus“ des Pastors Wichern in Hamburg lernt er das Zusammenleben seiner Schutzbefohlenen in Familien-Gruppen. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts gründet der Unermüdliche das „Brüderhaus“. Wer an der Pforte bettelt, muß, bevor er Essen bekommt, eine Stunde lang arbeiten.

Rüge vom Oberkirchenrat

Um genau zu wissen, wie Wanderarme und Arbeiter leben, schickt der Theologen-Ausbilder einen Studenten drei Monate auf Wanderschaft. Das trägt ihm eine kirchliche Rüge ein. Nach Verleumdungen werden zweimal Gebäude von Bethel angezündet. Inmitten aller Belastungen gelangt der Kämpfer für die Armen zu Krupp in Essen und ringt ihm das Versprechen ab, 600 Häuser für Arbeiter zu bauen – ohne Bindung an seinen Betrieb. Gewerkschaftern bietet er Sozialkurse an und ist überzeugt: Christen müssen politisch aktiv werden. Es komme nicht an auf einen christlichen Staat, aber auf Christen im Staat. Im Parlament erreicht Bodelschwingh ein Gesetz zugunsten von Arbeitslosen. Um es zu verbessern, sucht er August Bebel auf, den Gründer der sozialistischen Arbeiterpartei. Die Universität Münster verleiht Bethels Pastor den Ehrendoktor.

Als Friedrich von Bodelschwingh 1910 79jährig stirbt, ist die Zahl der Diakonissen mit Ordensgelübden auf 263 gestiegen. Schwestern senden sie aus in alle Welt. Der Leitspruch dabei: „Dienen will ich!“ Bewerberinnen müssen längere Zeit „ihre Bekehrung durch gute Werke bestätigt haben“. In der Berufsordnung heißt es: „Dem Herrn Jesus dienen in Seinen Elenden. Alle Diakonie gründet sich auf Seinen Dienst.“ Viele junge Diakonissen sterben bei der Pflege von Typhuskranken. Nachfolger des Gründers wird sein ebenso tapferer wie erfinderischer Sohn Fritz. Als Bethel vom NS-Regime „geräumt“ werden soll, stellt er sich in den Weg: „Nur über meine Leiche!“. So rettet er Tausende.
K.R.

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